Eine Zeitreise zur Geschichte des ersten Tiroler Stroms bis zum heutigen Tag

Bei sehr winterlicher Stimmung starteten wir von unserer HTL zum ältesten Kraftwerksbau der Fa. Kraftwerk Haim KG, am Weerbach auf Kolsasser Gemeindegebiet gelegen.

Wir wurden von den Firmenmitarbeitern Franz Josef Haim und Lukas Kraft auf dem sehr versteckt liegenden Vorplatz zwischen dem Weerbach, der alter Turbinenhalle aus dem Jahre 1926 und dem Betriebswohngebäude aus dem Jahre 1908 empfangen.

Man spürte sofort die Präsenz einer Geschichte, die mehr zu erzählen hatte als nur technische Informationen zum Thema Strom.

Zuerst wurde das ganze Ensemble mit den 3 Baukörpern aus unterschiedlichen Zeiten von außen betrachtet während Hr. Haim und Hr. Kraft erste Informationen und Erfahrungen von der neu zugebauten Turbinenhalle inkl. neuer unterirdischer Druckrohrleitungen, dem neuen Wartungsschacht sowie deren bauliche Umsetzung schilderten. Es erforderte immense Grabungs- Hangsicherungs- und Betonierarbeiten von denen heute nichts mehr zu sehen ist.

Der Firmengründer und Landwirt Franz Haim startete das Elektrizitätsversorgungsunternehmen im Jahre 1909, zuerst mit einem kleinen Kraftwerk im Bereich des Zusammenflusses zw. Schlossbach und Weerbach, noch bevor das Landesunternehmen Tiroler Wasserkraft AG/TIWAG im Jahre 1924 gegründet wurde.

Der Strombedarf stieg rasch und so baute das Unternehmen Kraftwerk Haim KG bis zum Jahr 1926 eine neue Turbinenhalle für 2 Francis-Turbinen, die aufgrund guter Wartung und Sanierung noch heute ihre Arbeit tun.
Das Unternehmen wuchs, betreibt inzwischen im Weertal mehrere Kraftwerksanlagen und versorgt damit über 7.000 Verbrauchsanlagen in den Gemeinden Wattens, Wattenberg, Kolsass, Kolsassberg, Weer, Weerberg sowie Teilen Fritzens.

Auch am ursprünglichen und ersten Standpunkt, den wir heute besichtigen durften, musste das Kraftwerk an die neuen Herausforderungen angepasst werden und so entstand im Jahre 2017 der erste Entwurf für den Zubau einer neuen Turbinenhalle mit leistungsstarker neuer Turbine, dessen bauliche Umsetzung zusammen mit dem Tiefbauplanungsbüro Bernard Gruppe ZT GmbH/Hall in Tirol von 2019-2021 erfolgte.
Die Aufgabenstellung war, den baulichen Rahmen für eine neue zeitgemäße Stromerzeugung zu ermöglichen, aber die alte mit dem Charme der 1920-er-Jahre bestehende Turbinenhalle und das Betriebswohngebäude aus dem Jahre 1908 bestmöglich zu erhalten.

Wir betraten zuerst die Turbinenhalle aus dem Jahre 1926 und man fühlte sich sofort um 100 Jahre zurückversetzt, als ob man sich auf einer Zeitreise befinden würde. 2 schwarze Francis-Turbinen bilden das Herzstück dieses musealen Raumes zur Produktion des schon zu dieser Zeit sehr gefragten Stroms, der damals Gasleuchten und Kerzen aus den Haushalten verdrängen und die ersten automatisierten Maschinen antreiben sollte.

Hr. Haim und Hr. Kraft wussten vieles zu erzählen, zeigten die Steuerungs- und Schalttafeln aus den 1920-er-Jahren, den von Ihnen bezeichneten „Wasserkocher“ der bei Überstrom der Energievernichtung diente, weil es damals noch kein durchgängiges landes- oder europaweites Stromnetz gab. Das Tageslicht schien durch die großen kleinteiligen und farblosen Bleiverglasungen, welche diesen sehr hohen historischen Raum auf natürliche Weise erhellten.

Wie anders wirkte die räumliche Situation, als wir über einen kleinen Zwischenraum und 2 Türen die neue angebaute Turbinenhalle aus dem Jahre 2021 betraten, die optisch von einem ca. 3 m breiten Oberlicht- inkl. Wandverglasungen vollkommen von der historischen Turbinenhalle bzw. Südfassade getrennt erschien, damit alt und neu das Maximum an natürlichem Licht erhielten. Die neue Turbine und der Wartungskran waren auch hier das zentrale Einrichtungselement mit den dominanten Farben Schwarz für die wasserführenden Turbinenteile, Rot für den Generatorenteil und Gelb für den Wartungskran, Stickstofftank und Zubehör. Alle sonstigen Farben waren zurückhaltend außer das kräftige erdige Rot des Feinsteinzeug-Bodens, der mit dem historischen roten Terra Cota Fliesenboden der alten Turbinenhalle eine Verbindung schaffte und damit eine Symbiose bildete.
Die Neue Turbinenhalle stecket an deren Südseite vollkommen im Hang, deren Ost- und Westfassade wurde mit hinterlüftetem Cortenstahl-Blech verkleidet und die Nordfassade bildet die historische Turbinenhallenfassade, welche als Teil des Innenraums über die ca. 3m breiten Oberlicht- und Wandverglasungen das natürliche Licht erhält. Über den westseitigen kleinen Vorplatz zwischen dem historischen Betriebswohngebäude, einer hanggesicherten Zufahrt, dem mit horizontalen Holzlatten aus Lärchenholz verkleidetem neuen Druckrohrleitungs-Wartungsschacht und der Cortenstahl-Blechfassade kann man die neue Turbinenhalle auch von außen betreten.
Die Wichtigkeit der Wasserkraft zur Stabilisierung des Stromnetztes und als Fundament einer robusten und konstanten Landesstromversorgung, um möglichst zeitnah aber spätestens bis zum Jahre 2050 eine autarke und nachhaltige Energieversorgung unseres Bundeslandes Tirol zu gewährleisten wurde von Hrn. Haim und Hrn. Kraft hervorgehoben. Viele technische Details wurden ausführlich erklärt und zeigten sehr beeindruckend wie viel Wissen und Einsatz für den Betrieb solcher Anlagen erforderlich sind.

Nach einem großen Dankeschön an Hrn. Haim und Hrn. Kraft für die überaus spannende und gelungene Führung und die für uns aufgebrachte Zeit wurden unsere Hochbau-SchülerInnen der 5b-cHBT in die wohlverdienten Osterferien entlassen.
Prof. Peter Pellarin